Teilhabe im Alter

Teilhabe im Alter

 

Ältere Menschen vermissen in unserer Kultur häufiger, dass sie von den jüngeren Generationen ganz selbstverständlich als gleichgestellte Gesprächs-, Diskussions-, Verhandlungs- und Entscheidungspartner wahrgenommen werden. Unsere Gesellschaft neigt dazu, ältere Menschen “nicht mehr für voll zu nehmen”, Politik “für” Senioren agiert oft aus einem reinen Fürsorge-Habitus heraus, ohne alte Menschen als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger ernst zu nehmen, die nicht nur in allgemeinen Lebensfragen noch Relevantes beizutragen haben, sondern die auch auf allen Feldern ihrer individuellen beruflichen oder sonstigen fachlichen Kompetenz und zum politischen Geschehen aus ihrem reichen Erfahrungsschatz wertvolle Kooperationspartner sein können.

In unserer auf Jugendwahn und Medienwahn fixierten Kultur repräsentieren alte Menschen aber zu sehr die Vergänglichkeit unseres Daseins – ein Aspekt unseres Lebens, für den in einer Kultur, deren ideellen Werte auf materielles Wachstum und Produktivität, die jeweils neuesten Produkte, Innovationen und “Trends” focussiert sind aber schlicht kein Platz ist. Auch unser Verständnis von Arbeitswelt wird von einem Menschenbild der “aktiven” Generation der 20- bis 50-jährigen dominiert – der ältere Mensch wird hier nicht mehr als Teil dieser “aktiven” oder “produktiven” Generation verstanden, der aus eigenem Antrieb noch Konstruktives zum Fortkommen der Gesellschaft beitragen könnte, sondern die ältere Generation gilt zu vielen Jüngeren nur als Gruppe (“die Alten”) außerhalb der aktiven Gesellschaft, die in irgendeiner Weise umsorgt werden muss. Für umtriebige Geschäftemacher ist dies bereits jetzt eine Ausgangslage um über tatsächlich notwendige Unterstützungen und Kompensationen für einen Teil der älteren Generation hinaus nach neuen Geschäftsfeldern zu suchen, um neue Absatzmärkte zu erfinden, mittels derer neue Umsätze auf Kosten “der Alten” und der Allgemeinheit generiert werden können. In der Politik fehlt ein Bewusstsein, “altenspezifische” Produkte und Dienstleistungen auf das tatsächlich notwendige Mindestmaß zu beschränken und ältere Menschen stattdessen soweit wie möglich ins aktive Leben eingebunden zu lassen, damit auch Menschen mit fortschreitendem Lebensalter als Akteure in der Zivilgesellschaft ebenso wie als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger im politischen Geschehen gleichgestellte Teilhabe leben können.

Hierzu werden demographiebedingt weitreichende Änderungen gerade auf Handlungsfeldern wie Stadtentwicklung, Städtebau, Mobilität und demokratischer und politischer Teilhabe die Funktionsmechanismen wie auch das Aussehen unserer Städte und unseres Gemeinwesens nachhaltig neu prägen müssen – denn unserer Gesellschaft gehen die Jüngeren aus und das Schwergewicht der “aktiven” Generation, die die gesamte Gesellschaft trägt, wird sich auf der Lebenszeitachse deutlich nach hinten verschieben (müssen). Gleichermaßen fortschrittliche, sozialverträgliche wie generationengerecht ausgewogene Modelle und Konzepte gibt es bislang weder in der Bundes- noch in der Berliner Landespolitik. Die Organisation des politischen Betriebs kreist auch in Berlin um 30- bis 60-jährige Funktions- und Entscheidungsträger, schon hier liegt ein erster Reformansatz: es müssen Wege gefunden werden, wie auch (wesentlich) Lebensältere als Funktions- und Entscheidungsträger in den politischen Prozess unmittelbar eingebunden sein können. Hier kann Berlin einen Ehrgeiz entwickeln, Vorreiter und Vorbild zu werden – die in Berlin derzeit vorherrschende politische Kultur, die die gegenwärtige verfehlte Stadtentwicklungspolitik und die marodierenden und kollabierenden Verwaltungsstrukturen zu verantworten hat wird eine solche Aufgabenstellung allerdings kaum bewältigen können.